
Von Markus Eckert, Stuttgart, Evangelische Kirche
Sich einer neuen Aufgabe stellen
Sonntag, 05. September 2010
Sich den Dingen des Lebens zu stellen ist manchmal nicht leicht. Zum Beispiel wenn einem eine neue Aufgabe so mir nichts dir nichts zufällt.
Plötzlich soll ich also eine Projektgruppe in der Schule leiten, sagt meine Kollegin. Morgen schon, obwohl ich überhaupt nicht vorbereitet bin, keine Ahnung habe und vor allem keine Lust. Zumal ich weiß, dass es sich um eine „schlimme" Klasse handelt. Nein, nicht mit mir, denke ich und beginne mir Ausreden einfallen zu lassen. Eine nach der anderen. Aber meine Kollegin kontert jedes Mal.
Als Moses den Auftrag bekommen hatte, zum Pharao von Ägypten zu gehen, um über die Freilassung seines Volkes zu verhandeln, fielen ihm auch viele Ausreden ein: „Ich weiß gar nicht, wer Du bist!" „Sag ich Dir", sagt Gott und verrät seinen Namen. „Sie werden mir nicht glaube, Gott!" Und Gott zeigt Moses zwei bis drei spektakuläre Wunder mit einem Stab und der Hand des Moses. Hilft nichts. Moses versucht sich weiter rauszuwinden: „Ich kann gar nicht so gut reden..." Gott verspricht ihm, die Worte in den Mund zu legen. Schließlich reißt bei beiden der Geduldsfaden: Moses stellt sich bockig und sagt: Ich will aber nicht! Und darauf hin Gott: Und Du gehst sehr wohl. Und Deinen Bruder schick ich auch mit.
Ich denke, Moses hat Angst, die Aufgabe zu übernehmen. Sie ist neu, ungewohnt, ja wahrscheinlich ist es das erste Mal das jemand so was überhaupt macht. Warum also ich?
Ich finde, das schöne an der Geschichte mit Moses ist, dass ihm vor allem einer hilft: Sein Bruder! Moses stellt sich seiner Aufgabe dann doch: Und es wird auch was. Gemeinsam meistern die beiden die Aufgabe. Für mich heißt das denn zweierlei: Erstens: Einer Aufgabe muss ich mich stellen, aber ich muss sie nicht alleine lösen. Und Zweites: Wer mit mir diese Aufgabe löst, ist ein Geschenk Gottes.

Von Dominik Frey, Wiesloch, Katholische Kirche
Podknast
Samstag, 04. September 2010
„Podknast" - eine Wortschöpfung aus „Podcast" und „Knast". Hinter „Podknast" verbirgt sich eine Internetseite. Dort berichten Häftlinge in kurzen Videos und Audios über ihren Alltag im Knast. Ein Video zeigt Daniel, der Besuch von einem Kumpel bekommt. Alles streng reglementiert. In kürzester Zeit müssen sie alle wichtigen Themen abhandeln: Wie geht´s der Familie? Ist die Freundin treu? Was kommt nach dem Knast? Nach dem Besuch ist Daniel niedergeschlagen, weil ihm wieder einmal bewusst geworden ist, dass er vom ganz normalen Alltag ausgeschlossen ist. In einem anderen Video rapt Pascal zu Hip-Hop Musik von seinem Traum, nach dem Knast nochmal ganz neu anzufangen. Raffael hat ein Gedicht über den Wert der Zeit gemacht. Die Videos handeln meistens von der Sehnsucht nach einem normalen Leben. Manchmal sind es auch Bekenntnisse, wie das von Christian. Er sagt: „Es gibt Tage, wo ich geweint hab. Weil ich Leute vermiss, oder weil mir klar geworden ist, was ich gemacht hab."
Seit zwei Jahren gibt es das Projekt „Podknast". Es wird vom Land Nordrhein-Westfalen unterstützt. Zu Beginn sollte es jugendliche Straftäter abschrecken. Mittlerweile soll „Podknast" viel eher helfen, Vorurteile abzubauen. Es soll einer breiten Öffentlichkeit zeigen, wie der Knast und seine Insassen wirklich sind.
Ich finde, keiner sagt das so schön wie ein Häftling am Ende eines Podknast-Videos. Da wird vor ihm eine dicke Gittertür zugesperrt. Er trägt Trainingsjacke und eine Cap. Er wendet sich durch die Gitterstäbe an die Zuschauer und sagt: „Meine Haftnummer ist 187082. Und wie Sie sehen, sind wir Knackis keine anderen Menschen als Sie!"
Umzugskünstler
Freitag, 03. September 2010
Morgen um diese Zeit ist für mich schwitzen und schleppen angesagt. Ich ziehe um und mir graut es schon davor. Gott sei dank konnte ich ein paar Kumpels mit Umzugsbier und Wurstsalat locken. Aber der ganze Papierkram, wie Wohnsitz oder Auto ummelden, der bleibt wohl an mir hängen.
Mit meinem Umzug bin ich in guter Gesellschaft. In der Bibel wird von einem wahren Umzugskünstler berichtet, an dem ich mich vielleicht etwas aufrichten kann. Es ist Abraham. Und der muss sogar mehrmals umziehen.
Abraham und seine Frau Sarah wohnen in Ur im heutigen Irak. Sie ziehen in Richtung Syrien nach Haran. Schon damals ist ein Umzug ein großer Aufwand. Alles Hab und Gut wird auf Maultiere und Kamele verladen. Die gesamte Großfamilie samt Mägden und Knechten zieht wochenlang durch die staubige Wüste.
Als der Tross in Haran ankommt, haben sie erst mal genug vom Rumziehen. Doch nach einiger Zeit meldet sich Gott bei Abraham. Er sagt: „Zieh weg von hier in ein Land, das ich dir zeigen werde." Ich kann mir gut vorstellen, wie begeistert Sarah von der Idee war.
Aber Abraham ist sich irgendwie sicher, dass die Umzieherei einen Sinn ergeben wird. Er folgt dem Rat Gottes und wird im Land Kanaan tatsächlich zum Stammvater eines ganzen Volkes.
Der entscheidende Satz an der ganzen Umzugsgeschichte ist wahrscheinlich der Segen, den Gott dem Abraham zuspricht. Gott sagt nämlich: „Ich werde dich segnen und begleiten. Durch dich sollen alle Menschen der Erde Segen erlangen." Gott bietet also seine Freundschaft an. Nicht nur Abraham, sondern allen Menschen, die sich seiner Führung anvertrauen.
Ich vertraue fest darauf, dass mein Umzug morgen irgendwie auch in den Plan Gottes passt. Und hoffentlich wird er auch dabei sein - zwar nicht zum Kisten schleppen, aber dafür mit seinem Segen für mein neues Zuhause.
Ein Loch ist im Fenster...
Donnerstag, 02. September 2010
Ein dreister Einbruch in die Kathedrale von Metz. Die Diebe haben aus einem Souvenirshop im Inneren der Kirche Andenken im Wert von 30 Euro gestohlen. Nicht gerade fette Beute. Aber viel schlimmer ist: Die Einbrecher sind ausgerechnet durch ein wertvolles Kirchenfenster des Künstlers Marc Chagall eingestiegen. Jetzt klafft ein großes Loch mitten in einer Bildserie über die Erschaffung des Menschen.
Das beschädigte Fenster zeigt die Szene im Paradiesgarten: Adam, Eva, Schlange. Für viele bedeutet die Szene den ersten Sündenfall der Menschheit.
Wie die meisten biblischen Geschichten, ist auch diese nicht wörtlich zu verstehen. Sie will uns weder sagen, dass wir kein Obst mehr essen sollen, noch dass die Frauen an allem schuld sind.
Nein, eigentlich ermutigt uns die Geschichte dazu, dass wir frei sind in allen unseren Entscheidungen. Die Frucht vom Baum nehmen oder nicht. Gott lässt uns immer die Wahl zwischen gut und böse. Diese Wahlfreiheit hat einen Vorteil: es ist nichts vorherbestimmt, ich habe meine Lebensgeschichte selbst in der Hand. Aber das hat auch einen Nachteil: oft entscheide ich mich für das, was mir einen Vorteil verschafft, obwohl andere darunter zu leiden haben. Die Folgen sind bekannt: Ungerechtigkeit, Unfriede und Habgier.
So wie bei den Einbrechern in der Kathedrale von Metz. Sie haben jetzt zwar 30 Euro mehr in der Tasche, aber das schöne Chagall-Fenster hat ein Loch. Und kurioserweise genau an der Stelle, die uns sagen will: ihr habt die Entscheidungsfreiheit zwischen gut und böse. Schade nur, dass die Menschen sich oft für das falsche entscheiden.
Das längste Konzert der Welt
Mittwoch, 01. September 2010
Das längste Konzert der Welt: seit 2001 wird es in der Halberstädter Burchardi-Kirche in Sachsen-Anhalt aufgeführt. Und es dauert noch bis ins Jahr 2640. Es besteht aus einem Orgelstück des Komponisten John Cage und hat den Titel „As slow as possible", also „so langsam wie möglich".
Natürlich können die nächsten 630 Jahre nicht pausenlos Organisten die Orgelbank drücken. Deshalb haben sich die Initiatoren des Werkes etwas ausgedacht. Mit Hilfe von Sandsäcken, Schnüren und Umlenkrollen werden die Tasten der Orgel gedrückt.
Weil das Projekt so abgefahren ist, hat es in letzter Zeit für einigen Wirbel in den Medien gesorgt. Mittlerweile ist die Burchardi-Kirche in Halberstadt ein richtiger Publikumsmagnet, vor allem wenn ein Klangwechsel ansteht. Das passiert ungefähr ein Mal pro Jahr.
Schon seltsam, dass so etwas die Menschen fasziniert. Denn eigentlich hört man in der Burchardi-Kirche nur einen ziemlich schrägen Dauerakkord. Fast schon etwas nervig. Das ganze Stück von John Cage kann man sowieso nicht erfassen, weil es eben noch weit über 600 Jahre dauern wird.
Hans Taubert und seine Frau sind auch begeistert von dem Dauerkonzert. Mit 1000.- Euro haben sie die Aktion unterstützt und die Patenschaft für ein „Klangjahr" übernommen. Die Tauberts kommen öfters in Halberstadt vorbei, weil sie das Musikstück zum Nachdenken anregt. Nachdenken über die Zeit und das Sein.
Ich finde das auch interessant. Vielleicht bin auch ich - so wie die Orgeltöne - Teil eines Ganzen, dessen Anfang und Ende ich nicht überblicken kann. Ereignisse und Dinge, die ich in meinem Leben nicht begreifen kann, bekommen vielleicht erst einen Sinn, wenn ich das große Ganze betrachten könnte.
Hans Taubert bringt es auf den Punkt. Er sagt: „Für uns Menschen ist dieses Orgelstück etwa so, als wolle man einer Eintagsfliege die Jahreszeiten erklären. Es macht einem bewusst, dass manche Dinge größer sind als wir selbst."
Prayer at the Pump
Dienstag, 31. August 2010
In den USA gibt es eine neue Bewegung. Sie heißt „Prayer at the Pump", das heißt so viel wie „Beten an der Zapfsäule". Die Mitglieder von „Prayer at the Pump" treffen sich an Tankstellen und beten dort um billigeres Benzin.
Ich finde, man sollte die Kraft des Gebets nicht unterschätzen. Aber ob man bei zu hohen Benzinpreisen wirklich gleich Gott bemühen muss? Rocky Twyman findet schon. Er ist Rentner und Anführer der Bewegung. Seit die Spritpreise in den USA sprunghaft angestiegen sind, schließen sich immer mehr Menschen seiner Bewegung an. An einem Samstag steht Rocky mit 200 Gefolgsleuten an einer Tanke in San Francisco. Er betet: „Allmächtiger Gott, segne uns und gib uns Kraft, auf dass wir diese hohen Preise drücken." Die Menge bekräftigt mit einem lauten „Amen". Rocky ist überzeugt: „Das Gebet ist die Antwort auf jedes Problem im Leben!"
Sicher, es berichten immer wieder Menschen, dass ihr Gebet erhört wurde. Aber es gibt eben auch die gegenteilige Erfahrung: Die Eltern trennen sich, obwohl das Kind mit vielen Tränen für eine Versöhnung gebetet hat.
Oder wenn trotz intensiven Betens die schwere Krankheit der Mutter doch kein gutes Ende nimmt. Beten hilft nicht immer, und vor allem nicht unmittelbar. Und manchmal auch anders, als ich es mir vorstelle.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Beten selten die Situation verändert, viel eher schon mich selbst. Ein Satz drückt das besonders schön aus: Handle, als ob alles von dir abhängt. Aber bete, als ob alles von Gott abhängt.
Beten kann mich beruhigen, es kann mich stärken, und es kann mich verändern. Aber ich glaube kaum, dass es Benzinpreise senken wird.
„shared space"
Montag, 30. August 2010
Bohmte ist eine kleine Stadt bei Osnabrück. Das Besondere an Bohmte ist, dass es dort in der Hauptstraße seit gut zwei Jahren keine Verkehrsschilder mehr gibt. Auch keine Ampeln, Zebrastreifen oder sonstigen Markierungen. Alles weg. Sogar die Gehwege hat man dem Niveau der Straße angepasst.
Da muss jetzt wohl das Chaos regieren, könnte man denken. Aber es ist anders gekommen, als viele gedacht haben. Es regiert die Rücksicht.
Genau so hat es sich Hans Mondermann vorgestellt, als er sich dieses Konzept der schilderfreien Zone ausgedacht hat. Er nennt es „shared space", also „gemeinsam genutzter Raum". Seine Idee war, dass die Menschen ohne Schilder erst mal unsicher werden. Dadurch nehmen sie Blickkontakt auf und sind rücksichtsvoller. Wie etwa auf einer Eisfläche, wo die Schlittschuhläufer ja auch ohne Schilder auskommen.
Im „shared space" gelten nur noch zwei Regeln: „Rechts vor links" und „gegenseitiges Rücksichtnehmen". Hätte man eigentlich schon früher drauf kommen können. Denn Deutschlands Straßen sind ein wahrer Schilderwald. Durchschnittlich steht alle 30 Meter ein neues Verkehrsschild. 20 Millionen gibt es insgesamt. In vielen Städten laufen schon Programme, um den Schilderwald etwas auszulichten. Aber so radikal wie die Stadt Bohmte hat das noch niemand umgesetzt.
Jetzt, nach zwei Jahren zieht Bohmte Bilanz. Und die kann sich sehen lassen: Die schweren Unfälle sind zurückgegangen. Der Verkehr fließt, und dadurch gibt es weniger Lärm, und die Luft ist besser. Außerdem ist die Stadt schöner geworden. Die Bürger stimmen mittlerweile dem Projekt zu 90% zu, vor allem weil es bei ihnen jetzt eben ruhiger und gelassener zugeht.
Einfach die vielen Vorschriften weglassen und die Menschen wieder miteinander in Kontakt bringen - und wenn es nur der Blickkontakt ist. Das ist der Trick von „shared space". Er basiert auf Rücksicht. Und er funktioniert vielleicht auch woanders.
Experten für´s Leben
Sonntag, 29. August 2010
Ein richtig schöner Sonntagsbraten wie zu Großmutters Zeiten ist doch etwas Herrliches. Goldbraune Kruste, sämige Bratensoße und dazu handgemachte Spätzle. Lecker. Die besten Sonntagsbraten kommen doch meistens von Müttern oder Omas. Ich glaube das liegt an der großen Erfahrung und den Tricks, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben. Die diesjährige Kampagne der Caritas will genau darauf hinweisen. Sie wirbt mit alten Menschen als „Experten fürs Leben". Auf den Plakaten steht unter einem Portraitbild in großen Buchstaben: „Experte für Lebensfreude" oder eben „Expertin für Sonntagsbraten". Stimmt, alte Menschen haben manchmal ganz schön was zu bieten. Nicht nur den perfekten Sonntagsbraten, sondern auch Lebenserfahrung, Gelassenheit und Humor. Andererseits kommen alte Menschen nicht ohne Unterstützung der Jüngeren aus. Sie brauchen zum Beispiel jemanden zum Reden, weil sie den Tod eines nahestehenden Menschen verkraften müssen. Oder sie brauchen jemanden, der für sie Erledigungen macht oder hilft, ein Formular auszufüllen. Die Caritas will mit ihrer Kampagne dazu ermutigen, alte Menschen zu unterstützen. Dabei soll klar werden: die Alten können auch den Jungen etwas geben.
Lotte zum Beispiel. Sie passt jeden Mittwoch Nachmittag auf ihren Enkel Marc auf. Und damit ist sie für Marcs Mutter eine wichtige Stütze. Und Marc, der genießt die Stunden mit seiner Oma. Er sagt: „Ich finde an meiner Oma Lotte das Beste, dass sie mir immer Pfannkuchen backt. Manchmal wenn wir Fußball spielen, dann fliegen ihr die Hausschuhe weg. Ich finde meine Oma so nett, weil sie so dick ist und ihr Bauch voller Liebe steckt."



