Manuskripte

SWR3 Gedanken

Wenn meine Mutter mich früher bat, ein paar Kartoffeln fürs Mittagessen aus dem Keller zu holen, dann rief sie immer einen Satz hinterher: Aber nur die großen, hörst du? Brav habe ich dann vor allem die dicken Knollen aus der Kiste gekramt. Die kleinen blieben meistens bis zum bitteren Ende liegen.

Klar, meine Mutter wollte sich das Kartoffelschälen leichter machen. Aber das Prinzip gilt ja nicht nur im Kartoffelkeller. Es passt leider auch auf die Gesellschaft, in der ich lebe. Interessant sind in der Regel wirklich nur die Großen und Wichtigen. Die Kleinen, Krummen oder Unscheinbaren haben das Nachsehen. Wenn in einem Industriekonzern tausende Jobs gestrichen werden, trifft es fast immer die Arbeiter und kleinen Angestellten. Wenn in den Innenstädten Wohnungen kaum noch bezahlbar sind, dann müssen zuerst die Geringverdiener weichen.

Wichtig sind also v.a. die Großen? Die mit Geld, Macht und Einfluss? Den Blick in unsere Kartoffelkiste finde ich da durchaus vielsagend. Auf einem Kartoffelacker wächst schließlich auch alles. Große und Kleine, Wohlgeformte und Krumme und aus allen lässt sich etwas Wunderbares machen. Man muss es nur wollen. Ja, das macht mehr Mühe und es dauert etwas länger, wenn die Kartoffeln klein und krumm sind. Eine Mühe aber, die sich lohnt. Denn sie sind weder schlechter noch weniger wert. 

Darum ist es auch kein Zufall, wenn viele Geschichten der Bibel gerade nicht von den Großen und Superwichtigen erzählen, sondern von den sogenannten kleinen Leuten. Von Kranken und Traurigen, Abgerutschten und Gescheiterten. Genau von denen also, die gerne mal vergessen werden und dann unbeachtet liegen bleiben.

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„Zuerst freue ich mich jetzt auf Weihnachten, und dann freu ich mich auf …“. Es kamen noch einige Dinge, worauf sich die junge Frau freut. Die Unterhaltung mit ihrer Freundin im Zug habe ich ungewollt mit angehört. Mich hat das irgendwie angerührt, denn Vorfreude ist was Tolles. Wenn jemand sich Wochen oder Monate lang auf etwas freuen kann.

Ich kannte die beiden nicht. Aber die aufgeschnappte Unterhaltung hat mich nachdenklich gemacht. Ich hab mich dann selber gefragt: Mal ehrlich, worauf freue ich mich eigentlich und da ist mir spontan erst mal nichts eingefallen. Meinen Arbeitstag hatte ich an diesem Morgen im Kopf, habe überlegt, wie ich dieses und jenes organisiere. Mit wem ich noch telefonieren, was ich heute alles erledigen muss. Aber freue ich mich heute Morgen auch auf etwas?

Auf dem Weg zum Büro hat mich das noch weiter beschäftigt. Als Kirchenleute reden wir schließlich oft von der Freude, nur meistens nicht von unserer eigenen. Mir ist dann klarer geworden, dass es dabei gar nicht um den großen Event im Leben oder den nächsten Karibikurlaub gehen muss. Freuen kann ich mich ja auf ganz kleine, alltägliche Dinge. Auf die paar Minuten in der Mittagspause, in denen ich nicht an die Arbeit denke. In denen ich vielmehr die Strahlen der Wintersonne im Gesicht genieße, auch wenn es draußen kalt ist. Auf ein Glas Rotwein heute Abend, wenn alle Tagesarbeit erledigt ist. Oder auf das Konzert am Wochenende, für das ich schon länger Karten besorgt habe. Eigentlich gar nicht so schwer, da was zu finden. Und wenn ich mir schon am Morgen überlege, worauf ich mich heute freue, dann bekommt so ein Tag manchmal eine ganz andere Farbe.

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Am letzten Wochenende haben wir die Demokratie gefeiert. Die Demokratie in meiner Kirche. Katholische Kirche und Demokratie, zwei Worte, die irgendwie nicht so richtig zusammenpassen wollen. Und doch, vor 50 Jahren wurde in meinem Bistum der erste Katholikenrat gebildet. So heißt dieses Gremium, in dem Männer und Frauen zusammenkommen, um über die Zukunft ihrer Kirche zu beraten. Toughe Leute sind dabei, die sich nicht einfach was vorsetzen lassen, sondern mitreden, mitdenken und auch mitentscheiden wollen. Leute, die einen eigenen Kopf haben und den auch benutzen wollen. So mancher Mächtige und Wichtige musste und muss das auch heute noch erst mal schlucken. Doch das gilt ja nicht nur in der Kirche, sondern auch im Staat. Politik könnte oft so einfach sein, wenn Politiker ihre Entscheidungen nicht ständig dem Bürger erklären müssten?

Aber genau darin liegt für mich der Charme jeder Demokratie. Dass ich nicht Befehlsempfänger bin, der nichts zu melden hat, sondern ein Bürger und ein Christ, der mitdenken kann und will. Dass ich die Chance habe, meine Gedanken und Ideen einzubringen. In meinem Dorf, meiner Stadt und auch in meiner Kirche. Ich muss es nur tun. Und darum finde ich es schade, wenn immer wieder Leute maulen: Bringt ja alles nichts. Die machen ja doch, was sie wollen. Stimmt, diese Versuchung gibt’s , im Staat und in der Kirche. Doch gerade darum ist es so wichtig, den Mund aufzumachen. Mitzudiskutieren. Die eigene Sicht ins Spiel zu bringen und sich um den richtigen Weg zu streiten. In meinem Dorf oder meiner Stadt und auch in meiner Kirche.

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