Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Wenn zwei Menschen gewissenhaft Tage zählen und angespannt auf kleine Papierstreifen starren, dann sind sie mittendrin in der Familienplanung. In meinem Alter ist das für viele ein Thema. Oft ein arg kompliziertes Thema. Da kann man sich viele Gedanken machen.

Und als dann tatsächlich Kinder da waren, haben meine Frau und ich gemerkt: Das mit der Planung hat gerade erst angefangen … Ein Betreuungsplatz ist zu organisieren. Die frühkindlichen Förderungsmöglichkeiten muss man sichten. Und ich will noch gar nicht wissen, wie es erst in der Schule wird …

Meiner Frau und mir macht das manchmal ganz schön viel Druck. Machen wir auch wirklich alles richtig? Tun wir das Beste für unser Kind? Wäre da noch mehr möglich? Natürlich vergleicht man sich auch mit anderen Eltern und Familien, ob man will oder nicht …

Aber Planung ist ja längst nicht alles. Schon die ursprüngliche Familienplanung nicht. Da klappt es selten beim ersten Versuch. Und nebenbei kommen ja immer wieder Kinder zur Welt, die alles andere als geplant waren …

Planung ist offenbar nur ein kleiner Teil vom Leben mit Kindern. Das Allermeiste haben wir als Eltern gar nicht in der Hand. Ganz am Anfang nicht – aber eben auch nicht, wenn die Kinder größer werden.

Für mich ist das ein Hinweis darauf, dass da noch ein anderer im Spiel ist. Als Christ glaube ich: Letztlich hat Gott unseren Kindern das Leben geschenkt. Er wollte, dass es sie gibt, ganz abgesehen von aller menschlichen Planung. Dann wird er unsere Kinder doch auch weiter begleiten, durch die schönen und auch durch die schweren Zeiten im Leben.

Und wer weiß denn schon, was für Möglichkeiten in unseren Kindern schlummern! Manche erahnen wir schon, und über viele werden wir noch staunen. Kinder entwickeln sich weiter, ganz ohne die Planung ihrer Eltern.

Als Vater entlastet mich das. Ich bin nicht allein verantwortlich für meine Kinder. Auch nicht für das Glück meiner Kinder. Ich kann und soll meinen Teil dazu beitragen – und werde auch in Zukunft viele Dinge planen. Aber ich will nicht immer alle Fäden krampfhaft in der Hand behalten. Sondern getrost auch mal was laufen lassen. Und mich überraschen lassen, was dann daraus wird. Denn das weiß so oder so ein anderer.

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„Bleib’ so, wie du bist!“ Manchmal wünscht mir das jemand. Meistens zum Geburtstag. Im ersten Moment freue ich mich dann. Und nehme den Satz so, wie er gemeint ist: als Kompliment. „Bleib’ so, wie du bist!“ – da schätzt mich jemand. Da mag jemand meine Art. Es ist schön, wenn man das ab und zu offen gesagt bekommt. Und natürlich würde ich meine Stärken und meine lichten Momente gerne auch in Zukunft behalten.

„Bleib’ so, wie du bist!“ – dieser Wunsch erschreckt mich aber auch. Denn ich bekomme es schlicht nicht hin. Mit jedem Jahr, das ich älter werde, verändere ich mich. Graue Haare zählen, das geht schon mit Mitte 30. Aber auch innerlich verändere ich mich: Ja, auch mein Charakter verändert sich über die Jahre, meine ganze Art.

Und wenn ich ehrlich bin: Das finde ich auch ganz gut so. Immer so bleiben, wie ich jetzt im Moment bin, – das wäre Stillstand. Die anderen um mich herum verändern sich ja auch! Meine Kinder werden älter. Sie brauchen einen anderen Papa als früher. Auch meine Frau oder meine Freunde machen Entwicklungen durch. Und ich will mich mit ihnen verändern. Auch wenn das manchmal mühsam ist. Ich will neue Erfahrungen machen, dazulernen, weiterkommen. Den veränderten Menschen und den neuen Situationen gerecht werden.

Außerdem gibt es ja auch Seiten an mir, die ich nicht so gut finde. Von denen will ich erst recht nicht, dass sie für immer bleiben. Sonst heißt es irgendwann mal noch hinter vorgehaltener Hand: „Der ändert sich nicht mehr.“ Und das ist dann kein Kompliment.

Die Bibel ist voll von Geschichten, in denen Menschen sich verändern. Und mir fällt auf: Oft ist es eine Begegnung mit Gott, die ihnen dabei hilft. Da ist zum Beispiel dieser Petrus. Der hat sein Leben lang als Fischer gearbeitet. Vermutlich ein schweigsames Geschäft, immer mit vertrauten Leuten und am selben See. Bis eines Tages Jesus diesen Petrus besucht. Er sagt zu ihm: „Hab keine Angst! Von jetzt an wirst du ein Menschenfischer sein!“ [Lukas 5,10b]

Petrus lässt sich darauf ein. Er kommt mit. Und auf seinem Weg mit Jesus entdeckt er ganz neue Fähigkeiten und Möglichkeiten an sich. Plötzlich kommt er mit fremden Menschen ins Gespräch, hält später sogar Predigten. Mir zeigt das: Gott hilft mir, mich weiterzuentwickeln. Er nimmt mir die Angst vor Veränderungen. So kann ich zuversichtlich leben, wenn Neues kommt.

Was könnte ich anderen zum Geburtstag wünschen, wenn ich ihre Art schätze? Vielleicht das hier: „Ich mag dich so, wie du gerade bist. Und ich bin gespannt, wie es weitergeht für dich!“

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Demenz. Das ist eine schlimme Krankheit, die vor allem alte Menschen trifft. Sie vergessen zuerst Geldbeutel oder Schlüssel, dann kommen ihnen Telefonnummern und Namen nicht mehr in den Sinn. Irgendwann erkennen sie sogar die nächsten Verwandten nicht mehr. Und schließlich verlieren sie sich selbst. Vergessen, was sie sind. Auch ihr Innerstes. Das, was sie ausmacht.
Für die Angehörigen ist das oft noch schlimmer als für die Betroffenen selbst. Und es gibt viele, die das bis ganz zum Schluss nicht fassen und wahrhaben wollen: Wie kann ein Mensch sogar sich selbst vergessen? Das ist doch unbegreiflich! Und hat das Leben auf diese Weise überhaupt noch Bedeutung?

Zu biblischen Zeiten kannte man noch keine Krankheit namens Demenz. Jedenfalls die Bezeichnung gab es nicht. Und meistens sind die Leute ja auch nicht so alt geworden. Aber dass Menschen auch das Wichtigste vergessen können, das wusste man. Der Prophet Jesaja hat den Menschen Worte von Gott weitergesagt. Darunter auch das hier: „Bringt eine Mutter es fertig, ihren Säugling zu vergessen? […] Selbst wenn sie es […] könnte, ich vergesse euch nicht.“ [Jesaja 49,15]

Ich verstehe das so: Gott rechnet auch mit dem Unbegreiflichen. Er sieht, dass den Menschen sogar das Allerwichtigste aus dem Gedächtnis gleiten kann. Bei Demenz dann sogar, wer sie eigentlich sind. Aber Gott vergisst keinen Menschen. Und er behält auch in Erinnerung, wie ein Mensch ist und was ihn ausmacht. Was ich bin und wie ich bin – vielleicht hängt das gar nicht an mir selbst. Sondern es kommt darauf an, dass jemand anderes mich kennt. Und das gibt meinem Leben Bedeutung.

Manche sagen inzwischen: Demenz ist eigentlich gar keine Krankheit. Sondern eine Lebensphase, die eben kommen kann, wenn Menschen sehr alt werden. Und eine gewaltige Herausforderung für die vermeintlich Gesunden. Ihr Auftrag ist es nämlich, Menschen auch dann nicht zu vergessen, wenn sie sich selbst vergessen.

Bei uns im Ort gibt es seit einem Jahr das „Café Memory“. Ein wöchentlicher Dienstagnachmittag für Menschen, die vergesslich werden. Ein Ort, an dem gelacht wird, und geweint, und gegessen, und gespielt, und erinnert. Die Angehörigen haben in dieser Zeit frei, können tun, was ihnen gut tut. Fachkräfte bringen sich dort ein im Café Memory, und viele Ehrenamtliche, und auch Spender. Sie alle setzen sich ein für andere Menschen. Und viele von ihnen sagen, dass sie selbst nebenbei ganz viel zurückbekommen.

Für mich ist das ein Zeichen: Gott vergisst tatsächlich keinen.

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Vor einer Aufgabe kann man wegrennen. Aber manchmal holt sie einen dann wieder ein. Und man bekommt nochmal eine Chance.
Jona hat das jedenfalls so erlebt. Jona ist ein Prophet, von dem die Bibel erzählt. Und dieser Jona bekommt einen Auftrag von Gott: Er soll aufbrechen in die große Stadt Ninive und das Unrecht anprangern, das dort passiert. Eine große Aufgabe. Für Jona zu groß. Er will nicht. Und er rennt weg. Genau in die entgegengesetzte Richtung. Weit weg nach Spanien will Jona, damit Gott ihn nicht mehr findet. Auf dem Schiff verkriecht er sich ganz unten im Laderaum – und macht die Augen fest zu.

Wenn ich diese Geschichte lese, komme ich erst mal ins Lachen über diesen Jona. Was für ein lächerlicher Prophet! Rennt vor einer Aufgabe weg, die doch Gott gezielt für ihn ausgesucht hat. Und dann denkt er auch noch, er könnte vor Gott fliehen. Aber dann denke ich: Manchmal mache ich es ganz genauso wie dieser Jona. Auch ich habe manchmal den Eindruck, dass Gott etwas Bestimmtes von mir will. Irgendwas soll ich ansprechen oder klären oder in die Wege leiten. Aber ich will nicht. Und renne sozusagen weg. In der Meinung, dass die Sache schon nicht so wichtig ist oder in Vergessenheit gerät.

Es ist so, als ob die Bibel mir da einen Spiegel vorhält. Und wenn ich über diesen Jona lache, lache ich zugleich über mich. Vielleicht ist das nicht die schlechteste Form der Selbsterkenntnis. Und vielleicht kann sich dadurch auch etwas ändern.

Die Jona-Geschichte, die geht dann nämlich noch weiter. Jona fliegt auf mit seiner Flucht. Er geht über Bord, landet im Meer. Und dann – jetzt wird es ganz drastisch – kommt auch noch ein Fisch und verschluckt ihn mit Haut und Haaren. Spätestens jetzt merkt Jona: Gott hat es ernst gemeint mit seinem Auftrag. Und die Aufgabe, die er da bekommen hat, die holt ihn wieder ein.… denn es ist noch nicht zu Ende. Im Fischbauch findet Jona nicht etwa den Tod, sondern Gott rettet ihn. Drei Tage später wird er ausgespuckt ans Land. Und er bekommt genau denselben Auftrag ein zweites Mal.

Ich nehme daraus mit: Manche Aufgabe holt mich wieder ein, ob ich will oder nicht. Das ist unangenehm. Aber ich kann darin auch etwas von Gott erkennen. Vielleicht bin ja wirklich ich der einzige, der für diese Aufgabe in Frage kommt. Und so wie Jona kann ich nochmal ganz von vorn anfangen. Jetzt ist Montagmorgen. Was steht an für mich? Und welche Aufgabe gehen Sie an diese Woche?

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